
Es gibt Menschen, deren Erfindungen unseren Alltag prägen, ohne dass ihr Name bekannt ist. Einer dieser Menschen war mein Opa Otto Rosenkranz.
Wenn wir heute ganz selbstverständlich zu einer PET-Wasserflasche oder einer Getränkeflasche aus Kunststoff greifen, denken die wenigsten darüber nach, welche Ingenieursleistung dahintersteckt. Tatsächlich geht ein wesentlicher Teil der heutigen PET-Streckblastechnologie auf die Entwicklungsarbeit meines Opas zurück.
Als Ingenieur entwickelte Otto Rosenkranz gemeinsam mit Karl-Heinz Seifert Ende der 1960er Jahre das Corpoplast-Streckblasverfahren – eine Erfindung, die die Herstellung von PET-Flaschen grundlegend veränderte und bis heute weltweit Anwendung findet. Das Verfahren wurde bereits 1968 zum Patent angemeldet und legte den Grundstein für eine Technologie, auf der heute Milliarden von PET-Flaschen pro Jahr produziert werden.
Erfinder aus Leidenschaft
Mein Opa war kein Mensch, der das Rampenlicht suchte. Vielmehr war er jemand, der technische Herausforderungen mit großer Neugier und Beharrlichkeit anging. Während seiner Tätigkeit bei Heidenreich & Harbeck in Hamburg erhielt er den Auftrag, neue Verfahren zur Herstellung von Kunststoffflaschen zu untersuchen.
Aus dieser Aufgabe entwickelte sich schließlich eine Idee, die die Verpackungsindustrie nachhaltig verändern sollte.
Sein Ansatz war ebenso einfach wie genial: Statt eine Flasche direkt herzustellen, sollte zunächst ein Vorformling produziert werden. Dieser wird anschließend erwärmt, gestreckt und in einer Form ausgeblasen. Durch diese biaxiale Orientierung entstehen besonders leichte, stabile und druckfeste Flaschen mit hervorragenden Materialeigenschaften. Dieses Prinzip bildet noch heute die Grundlage moderner PET-Streckblasmaschinen.
Eine Erfindung mit weltweiter Bedeutung
Die ersten Maschinen produzierten bereits mehrere Tausend Flaschen pro Stunde. Über die folgenden Jahrzehnte wurde die Technologie kontinuierlich weiterentwickelt und erreichte Produktionsleistungen von mehreren zehntausend Flaschen pro Stunde.
Weltweit bekannte Unternehmen erkannten früh die Vorteile der neuen PET-Flaschen: geringeres Gewicht, hohe Stabilität und eine wirtschaftliche Herstellung. Das Corpoplast-Verfahren setzte sich international durch und wurde zum Industriestandard.
Mehr als nur ein Patent
1968 meldeten Otto Rosenkranz und Karl-Heinz Seifert ihre Erfindung zum Patent an. Die später veröffentlichte Patentschrift trägt den Titel:
„Verfahren und Maschine zum Herstellen von Hohlkörpern, insbesondere Flaschen, aus thermoplastischem Kunststoff.“
Für meinen Opa war diese Erfindung jedoch nie nur ein Patent. Sie war das Ergebnis unzähliger Stunden des Tüftelns, Testens und Verbesserns. Wer ihn kannte, wusste, dass ihn technische Probleme faszinierten und dass er nicht aufgab, bis er eine überzeugende Lösung gefunden hatte.
Eine besondere Erinnerung
2010 durfte mein Opa seinen 90. Geburtstag feiern. Zu diesem Anlass überraschten ihn seine ehemaligen Kolleginnen und Kollegen von KHS Corpoplast mit einer Festschrift. Darin würdigten sie nicht nur seine technische Leistung, sondern schrieben auch, dass das Unternehmen ohne seine Ideen und seine Innovationskraft nicht das geworden wäre, was es heute ist. Diese Anerkennung hat ihn – und unsere Familie – sehr bewegt.
Sein Vermächtnis lebt weiter
Heute begegnet mir der Name meines Opas immer wieder, wenn ich mich mit der Geschichte der Kunststoffverarbeitung oder moderner Verpackungstechnologien beschäftige. Es erfüllt mich mit großem Stolz zu wissen, dass seine Ideen bis heute weltweit eingesetzt werden.
Viele Millionen Menschen kommen täglich mit Produkten in Berührung, die auf seiner Erfindung basieren – ohne seinen Namen zu kennen.
Mit diesem Beitrag möchte ich deshalb nicht nur an einen außergewöhnlichen Ingenieur erinnern, sondern auch an meinen Opa: einen Menschen, dessen Neugier, Kreativität und Erfindergeist die Entwicklung der PET-Flasche nachhaltig geprägt haben.
Sein Name mag vielen unbekannt sein – seine Erfindung dagegen ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken.
